Es ist fast Samstag!

Mit dem Laufe der Woche verändert sich die Wahrnehmung unseres Duells in Worms. Dachten wir noch am Dienstag aufgrund von Nervosität und Angst bald explodieren zu müssen, scheint unser Kühlsystem mittlerweile aus dem Kurzurlaub zurückgekehrt zu sein. Dennoch leuchtet nicht nur vor meinem inneren Auge permanent ein rotes Licht, das in Biblis leuchtend längst für eine Evakuierung gesorgt hätte, die ein Spiel weder in Worms noch in Darmstadt zulassen würde. Naja, wahrscheinlich nicht mal am Bornheimer Hang, damit wären wir wieder beim Thema.

Mittwochvormittag. Irgendwie geht es mir besser. Immerhin konnte ich mir ein bisschen was von der Seele schreiben. Ich schaffe es sogar mich zwanzig, vielleicht sogar fünfundzwanzig Minuten am Stück auf meine Arbeit zu konzentrieren. Ein Kollege auf dem Weg ein menschliches Bedürfnis zu erledigen, möchte ein wenig Small Talk halten. Er fragt mich: „Na, schon heiß auf Worms?“. Ruhig bleiben, er meint es nur gut. Aber was für eine Frage… Mein Fieberthermometer beschlägt von Innen bei dem Versuch es herauszufinden.

Die Zeit am Mittwochnachmittag scheint rückwärts zu laufen. Sehnsüchtig warte ich auf Meldungen zum Gesundheitszustand von Sascha Amstätter. Wann habe ich mich zum letzten Mal so dafür interessiert, ob eigene Spieler eingesetzt werden können oder nicht? Wo ist diese Lockerheit hin, sich 30 Minuten vor Anpfiff den Aufstellungszettel zu besorgen, kurz drüber zu lesen, und das Gesehene Schulter zuckend zur Kenntnis zu nehmen? Ja, ich gebe zu: Dieser Zettel wird doch höchstens noch mal angeschaut, wenn es darum geht den Namen eines Gegenspielers oder des Schiedsrichters herauszufinden, um ihn dann gepflegt zu beleidigen. Diese Woche ist alles anders. Aber das wissen wir ja schon.

Mittwochabend: Die letzten 24 Stunden waren die längste Woche meines Lebens. Wie soll ich jetzt noch die drei Jahre bis zum Wochenende aushalten? Meine Freundin blättert auffällig lang im Telefonbuch von Goddelau.

Es ist Donnerstag. Passend zum Tagesnamen brechen endlich Neuigkeiten wie ein Gewitter auf uns ein: Bei unserem Mittelfeldmotor ist nichts gerissen, „nur“ eine Kapselverletzung liegt vor. Das Darmstädter Echo mag die Einsatzchancen dennoch nur auf „sehr gering“ beziffern. Wir kennen unsere Kampfsau besser, wir wissen: Sasch‘ wird am Samstag spielen, selbst wenn er im Rollstuhl den Wormaten hinterher jagen muss. Welch‘ Hochgefühl, kein Bangen sondern Sicherheit und das nicht trotz, sondern WEGEN dieser Diagnose. Am Sieg in Worms gibt es keinen Zweifel mehr. Kurz darauf ein Anruf aus der Schweiz: Wie viel Geld ich eigentlich für die besorgten Karten für unsere Berner Freunde bekäme? 14 Karten x 7 Euro = 98 Euro. Ein Omen! Plant schon mal die Aufstiegsfeier! Was für ein Tag, dieser Donnerstag.

Wenig später werfe ich einen Blick auf die informative Homepage der Wormatia, im dortigen Fanforum nimmt man freundlich belustigt aber doch voller Vorfreude zur Kenntnis, wie nervös und geradezu gesundheitsgefährdend der Lilienanhang gestimmt ist. Sie finden es sympathisch. Es fällt kein böses Wort, obwohl sich im Internet die Fantrennung längst pulverisiert hat. Können uns solch‘ nette Leute wirklich noch das größte Erlebnis seit Jahrzehnten versauen? Das mag ich nicht glauben. Verträumt wandern meine Gedanken durch Erfurt, Jena und Offenbach.

Auf dem Rückweg zum blau-weißen Teil des weltweiten Netzwerks fällt mein Blick auf eine Nachricht auf der Hauptseite: Kapitän Rösner (ja, genau, der Nackte vom Jauch) darf nun doch spielen. Die Statistiker hatten ihm eine Karte zugeschrieben, die eigentlich Mitspieler Röser gesehen hatte. Das ‚N‘ macht den Unterschied. Denke ich an die letzten Tage, ja an die Freude über seine Sperre, müsste ich jetzt eigentlich durchdrehen, Morddrohungen gegen den Fußballverband aussprechen, die größte Verschwörung seit Sapina und Hoyzer vermuten, drei schwarze Katzen opfern und unsere Strafversetzung in die 7.Liga befürchten. Aber… es passiert nichts in mir. Der Glauben an uns selbst ist zurück gekehrt, es ist mir egal, wie der Gegner aufgestellt ist. Euphorisierte 3.000 + 11, vielleicht sogar mehr, werden am Samstag zusammen mit mir die vielleicht schlimmsten 90 Minuten ihres (Fußball-)Lebens durchleiden. Keiner ist allein mit diesem Schicksal, wir packen das!

Am Abend klingelt das Telefon erneut mit einer 0041er Vorwahl. Ein fünfzehnter vom Lilienfieber gepackter Eidgenosse betet regelrecht um eine Karte. Damit ist das Omen genauso dahin wie die Sperre von Rösner. Der Lauf der Erde. Sorgen macht mir das keine: Einer mehr, der mit uns diesen Lauf am Samstag beeinflussen möchte. Es macht mich froh. Ich kann schlafen.

Freitagmorgen, der Wecker klingelt, Alberto Colucci schreit mir die „Die Sonne scheint…!“ ins Ohr. Recht hat er. Das Leben ist schön, es ist fast Samstag! Macht euch locker aber seid bereit, wir haben morgen Großes vor!