Immer noch net Samstag…

Der achte Blick auf die Uhr in den letzten zehn Minuten? Nochmal im Kalender versichert, dass immer noch Mittwoch ist? Euer Chef schaut schon leicht kritisch, weil ihr das Lilienforum den ganzen Tag über den Bildschirm flackern lasst – nur in der leisen Hoffnung, irgendjemand oder irgendetwas könnte euch endlich DEN entscheidenden Aufschluss darüber geben, wie das Spiel am Samstag ausgeht?

Wir klammern uns derzeit an jeden Strohhalm, jede Kleinigkeit wird analysiert, jede Stimmung eingefangen und verarbeitet. Wir hängen fest in einem seltsamen Raum zwischen Nervosität, Ungeduld, Vorfreude und Angst. Hätte das Leben einen Zeitrafferknopf – in Darmstadt und Umgebung wäre längst Samstag. So bleibt uns aber nur die Möglichkeit jede Sekunde mit Gedanken an die Lilien zu verbringen und zu hoffen, dass die gefühlte Verstopfung der Erdzeit-Sanduhr bald behoben wird. Es bleibt viel zu viel Zeit für Gedankenspiele – und das obwohl jeder von uns zugeben muss, dass er gar nicht fähig ist einen klaren Gedanken zu fassen. Hinterfragt euch doch mal selbst, kommt euch das bekannt vor?

Samstagmorgen, noch leicht erfreut über den Heimspielsieg am Vortag wühle ich durch die Statistiken der Regionalliga Süd. Ich stelle fest: Wir haben die letzten sieben Spiele gewonnen. Das Gesetz der Serie sagt mir nichts Gutes, denn eine der Hauptregeln ist: „Jede Serie reißt einmal“. Nach einem Schluck Tee beruhige ich mich: „Stuttgart hat seit 13 Spielen nicht verloren!“ Warum mich das beruhigt? Weil eben jede Serie einmal reißt. Fast hätte ich also optimistisch in den Tag starten können, dann fällt mir auf, dass der nächste Gegner aus Worms auf dem dritten Platz der Rückrundentabelle rangiert, direkt hinter uns. Der Samstag ist gelaufen, auswärts beim Dritten, das kann doch nix werden.

Sonntagmorgen. Ich habe kaum geschlafen und kann noch weniger glauben, dass es noch eine ganze Woche bis zum Spiel der Spiele sein soll. Mein nervöser Körper lechzt nach Beruhigung. Ich nehme mir den Kader der Wormatia vor: Torjäger Rudi Hübner ist gegen uns gesperrt, gegen Stuttgart aber nicht mehr, Mittelfeldregisseur Oppermann fällt gegen uns wohl aus, könnte aber in Stuttgart wieder fit sein. Ja, hallo? Ganz klar, wer würde jemals zweifeln: Dritte Liga, wir kommen!

Montag ist Kicker-Tag. In steter Tradition wird regelmäßig Montag für Montag die bekannteste deutsche Fußballzeitung gekauft – jedenfalls seitdem wir Tabellenführer sind, heute also zum zweiten Mal. Die Frühstückspause auf der Arbeit unterscheidet sich lediglich dadurch von der Restarbeitszeit, dass ich meine Gedanken nun legal an die Lilien verschwende. Das Kicker-Studium tut mir nicht gut. Ich stoße wieder auf das Torverhältnis zu Gunsten der Stuttgarter. Ein Unentschieden in Worms ist quasi wie eine Niederlage. Das war’s dann wohl, ade du schöner Traum.
Wäre da nicht die Mittagspause! Mittlerweile lese ich den knapp zwanzigzeiligen Artikel über das Heimspiel gegen den FSV II zum achten, vielleicht auch neunten Mal. Den Rest vom Kicker habe ich nicht mal aufgeblättert. Bei genauem Hinsehen kann man herauslesen, dass der FSV hinten ziemlich gut stand – wir kamen ja auch nur durch Standards zu den Toren. Ha! Die Stuttgarter müssen da erstmal gewinnen. Hoffnung keimt auf.
Montagabend: Nach dem Auftritt eines sympathischen wohlbeleibten Kartoffelhändlers bei Günter Jauch huscht der der Spielführer der Wormatia kurz über den TV-Bildschirm, der Moderator verkündet, er sei nackt über den Internatsflur gelaufen und deshalb rausgeflogen. Bei der Auswahlfrage scheitert er an der Zuordnung von Feiertagen zu den jeweiligen Monaten in 2011 – und schon ist die Sendung für ihn wieder vorbei. Ich kann nicht schlafen: Bis spät in die Nacht grüble ich darüber, welche Auswirkung dieses Vorkommnis auf das Lilienspiel am Samstag hat.

Von Albträumen geplagt wache ich Dienstag schweißgebadet auf. Die erste Feststellung: Scheiße, immer noch net Samstag! Kurz darauf halte ich mich für einen Idioten. Nein, nicht weil ich am Abend fünf Stunden potentiellen Schlaf gegen die Frage was ein Kurzauftritt bei ‚Wer wird Millionär‘ für Konsequenzen auf ein Regionalligaspiel haben kann, eingetauscht hatte. Diese Frage erscheint mir weiterhin legitim. Ein Idiot ist, wer glaubt, der FSV II hätte gegen die blauen Stuttgarter auch nur den Hauch einer Chance. Alles ist gegen uns.
Auf die Mittagspause zugehend gibt es kaum noch einen Satz über den Aufstiegskampf der Regionalliga, den ich nicht gelesen hätte. Ich fange sogar an mir bei Google alle Ergebnisse für „Darmstadt 98″ aus den letzten 4 Tagen anzeigen zu lassen und sie systematisch abzuarbeiten. Mir kommt in den Sinn, dass die Wormatia am letzten Spieltag in Stuttgart antritt. Das wäre ein potentieller Patzer für die Kickers. Das gleicht die Sache mit dem FSV wieder aus. Ich bin beruhigt. Vielleicht.

Der Dienstagnachmittag fühlt sich an, als hätte mich Doc Brown (aka Christopher Lloyd) in einer verrückten Laune wieder zum Sonntagmorgen zurück geschleudert. Die Zeit vergeht einfach nicht. Mir fällt ein – welch revolutionärer Gedanke: Wir spielen ja selbst gegen die Wormatia. Wenn Stuttgart da patzen könnte, könnten wir’s dann nicht auch? Hilfe!

Dienstagabend, Treffen der anonymen Nervenzerfleischer vom Böllenfalltor in Wixhausen. 22 Mann rennen dem Ball nach, halb und halb auf Rot und Blau verteilt. Interessiert halt nur keinen. Stattdessen werden die Smartphones gezückt und voller Panik ein Live-Ticker gesucht, der uns die gelben Karten der gleichzeitig stattfindenden Partie Großaspach – Worms anzeigen würde. Wir werden fündig. Und nicht nur das, ‚Wer wird Millionär‘-Star Rösner sieht die fünfte Gelbe. Jubel in Wixhausen: Unser Sieg ist sicher. Fast wären wir zufrieden heim gegangen – da stellten wir fest, dass diese 22 Mann immer noch dem Ball nachrennen. Amstätter besonders engagiert, er kämpft, versucht den Ball zu kriegen, trifft ihn nicht volley, sondern landet mit dem Fuß auf dem Ball, das Gelenk knickt um, er muss raus. Verletzt, humpelnd, beim Kreispokal, vor DEM Spiel…. Wir steigen ab!

Mittwochmorgen: „Ruhig Blut, alles wird gut, oder? Wir haben einen breiten Kader, breiten Kader, keiten Brader, ich kann net mehr, immer noch net Samstag!!!“

…to be continued…