Freiburg II – SVD

Der Tag danach: Beine und Arme schmerzen, die Stimmbänder bringen kaum einen Ton hervor und der Sonnenbrand auf der Stirn nimmt immer mehr die Farbe eines OFC-Trikots an. Klingt ganz so, als hätten wir gestern einen verdammt geilen Tag gehabt!

Als die Studenten gerade ins Bett gingen, standen Usual Suspects und Freunde am Böllenfalltor bereit, um mit dem Bus in den Breisgau zu starten. Ungewöhnlich früh am heutigen Sonntag, aber schließlich hatten wir Großes vor: In Laufentfernung zum Freiburger Möslestadion hatten wir an den Hängen des Schwarzwaldes einen Grillplatz gemietet, um es uns dort gut gehen zu lassen. Deshalb baten wir Busfahrer ‚Maddin’ bis Freiburg lediglich einen Stopp einzulegen. „Eijoooo, des maache mer sou!“ – ein prima Kerl, der einzige Negativaspekt sein Mannheimer Slang, im Herzen ist er seit diesem Ausflug aber Lilienfan.

Um 11:18 Uhr war es soweit, der Moment auf den alle Lilienfans seit Jahren gehofft, gewartet, ja hingelebt hatten: Wir standen unmittelbar vor dem Aufstieg: Die Straße wurde enger, Maddin kam nicht weiter und die letzten Höhenmeter mussten sehr zum Leidwesen der schwergewichtigen Reisegruppe zu Fuß angetreten werden.

Bewaffnet mit 80 Bratwürsten und Brötchen, den gekühlten grünen Fläschchen aus der südhessischen Nachbarschaft, jeder Menge guter Laune und den neuesten Insider-Geheimkniffen der Grilltechnik: („ihr müsst den Rost dann runter lassen, damit der heiß wird!“ O-Ton Glang) genossen wir den warmen Vormittag. Während manch einer im Aufstiegsfieber selbst auf die Grillhütte kletterte, stürzten andere die Spielplatzwippe hinunter – vorbeikommende Wanderer wie Hunde hatten so nicht nur Freude an der Wegzehrung, die wir breitwillig verteilten. Da reagierte der amüsierte Einheimische nicht gar so ängstlich, dass wir die etwas kuriose Nachfrage, ob wir die Spieler von Darmstadt seien, gekonnt mit „Nein, wir sind die Hooligans!“ konterten.

Ein wenig Wehmut war jedenfalls schon dabei, als wir dieses bezaubernde Einöd 45 Minuten vor dem Anpfiff verließen – nicht nur, weil damit unvermeidlich ein Wiederabstieg verbunden war. Mit Kühltaschen und Schaufeln bewaffnet wollte ich jedenfalls schon immer mal vor einem Gästeblock zu Fuß einlaufen.
Im weitläufigen Gästebereich waren dank drei anreisender Busse und vieler Individualfahrer immerhin 250 Lilienfans anzutreffen. Zu früheren Zeiten hätte man glatt das Doppelte erwarten können, aber auch an uns gegen Jahre der Erfolglosigkeit und die unattraktive Liga nicht vorbei. Aber abwarten, ich persönlich rechne bei positiven Spielausgängen noch in dieser Saison mit einem sprunghaften Anstieg der Auswärtsfahrerzahlen (Am Rande: Immerhin können unsere speziellen Freunde aus Nordhessen trotz Tabellenführung selbst von diesen Zahlen nur träumen, man schaue sich mal die Fotos derer Auswärtsauftritte dieser Saison an und vergleiche – vom Rest der Liga wollen wir gar nicht erst sprechen…).

Anpfiff des Schiedsrichters: Nun war es an der Zeit, den Kampf aufzunehmen. Nicht nur gegen eine x-beliebige Zweitvertretung, die uns im Hinspiel fünf Buden eingeschenkt hatte, die uns bei einer Niederlage sowohl die Kulisse für das Kasselspiel als auch die Aufstiegshoffnungen vernageln würde. Nein, auch gegen die Sonne im mediterranen Teil Deutschlands und vor allem „die drei Verbrecher“. Naja, und ein wenig auch gegen das typische „Darmstadt-sein“.

Der Kampf gegen die Sonne konnte einigermaßen schnell gewonnen werden. 90 Minuten die Zaunfahne hoch halten ist ja nicht so neu, wenn man sie nicht aufhängen darf – dies aber über den Köpfen (als Sonnenschutz…) zu tun schon: Argentinisches Flair im Breisgau. Mit dem „Darmstadt-sein“ verhielt es sich da schon schwerer: Selbst die Väter unserer Urgroßväter berichteten schon über eine eklatante Abschlussschwäche der Lilien, böse Zungen behaupten selbst, die Lilien bräuchten pro Tor mehr Chancen als Leverkusen Saisons pro deutsche Meisterschaften. Genau so war es auch an diesem Tag: Wir hätten schon 3:0 führen können oder müssen, da fiel die Freiburger Führung aus dem Nichts, eher hätte man erwartet, dass es plötzlich Forellen regnen würde.
Als ob das noch nicht genug des Unguten gewesen wäre, gaben sich die Schiedsrichter, allen voran SR-Assistent Nr. 2 beste Mühe den Darmstädter Angreifern die Möglichkeiten Chancen nicht zu nutzen im Vorhinein zu verbauen – selten sieht man so viele Abseitsfehlentscheidungen auf einen Schlag. Kein Wunder, dass die aufgebrachte Menge im Gedanken an die aktuellen Geschehnisse auf St.Pauli „Plastikbecher für die drei Verbrecher!“ skandierte.

Mit dem Seitenwechsel wechselte auch die Belegschaft. Vor allem Yannick Stark kurbelte das Lilienspiel nun massiv an. Eine Reihe weiterer vergebener Chancen beendete Oliver Heil dann endlich mit dem Ausgleichstreffer. Das hob die Stimmung, noch war genug Zeit drei Punkte aus dem Breisgau zu entführen. Endlich schienen auch die Gesänge der Lilienfans an Durchschlagskraft gewonnen zu haben. Doch große Chancen blieben bis zur Schlussphase aus, lediglich Freiburg versuchte vereinzelte Konter zu setzen, die Keeper Zimmermann bravourös parierte. Die letzten zehn Minuten hatten es wieder in sich: Onwuzurike, kein Tor, der Block brodelt, Heil, wieder kein Tor, der Gästeblock dampft, 92. Minute, eine Flanke von links, der erste Spieler verpasst, ein Aufschrei, der zweite Spieler grätscht am Ball vorbei, ein Aufstöhnen, von hinten kommt Hesse angerannt, nimmt den Ball mit vollem Risiko aus spitzen Winkel und haut das Ding unter die Latte: Der Block bricht aus wie ein Vulkan. Einen solchen Torjubel habe ich lange nicht erlebt, alt und jung reißen die Arme hoch und rennen besinnungslos durch den Block, innerhalb von Sekundenbruchteilen findet sich kein freier Platz mehr auf dem Zaun, die Boys in Blue liegen wie erschöpfte, aber siegreiche Kämpfer vor uns auf der Wiese. Das ist Fußball, das sind echte Emotionen!
Ein paar Minuten müssen wir noch zittern, ehe der Chefverbrecher abpfeift und uns das Team zum ausgelassenen Feiern übergibt. Weit nach Abpfiff verabschiedet sich der Gästeanhang mit einem lautstarken „Scheiß Hessen Kassel!“ aus dem leeren Möslestadion. Es ist an der Zeit…

Danke und Grüße an alle Mitfahrer vom „Moskauer Philharmonie Orchester“, wie es unser Busschild offenbarte. Super Stimmung an Board, praktisch alle Gruppenmitglieder haben riesig beim Drumherum mitgeholfen – besser kann eine Auswärtsfahrt gar nicht sein.