Stillstand ist Rückschritt

Stark Boddie!
- aber die anderen waren auch gut -

Nun ist sie also zu Ende, die Spielzeit 2009/10. Aber was hat sie uns gebracht?
Eigentlich wissen wir nur ganz genau, was sie uns nicht gebracht hat: Einen Auswärtssieg. Unser glorreicher SV Darmstadt 98 hat die Saison mal wieder genau über der Abstiegslinie überstanden und profitierte zumindest nur moralisch von den sich jährlich wiederholenden Linzenzentzügen, die in der Totengräbergesellschaft „Regionalliga“ permanent als Damoklesschwert über allen Vereinen schweben.

Wir stehen also genau da, wo wir vor einem Jahr auch standen. Stillstand ist Rückschritt, schließlich werden wir alle nicht jünger und haben trotzdem vor unsere Lilien irgendwann mal gegen Inter Mailand spielen zu sehen. Und zwar nicht nur gegen die Zweite Mannschaft.

Aber wie kam es dazu, dass wir diesem Ziel wieder keinen Millimeter näher gekommen sind?
Sind wir doch mal ehrlich: Wir Heinerstädter haben doch nach der Vorbereitung mit souveränen Siegen gegen die Ligakonkurrenz aus Wehen, Frankfurt und Alzenau schon wieder vom Aufstiegskampf geträumt. Als dann auch noch das quartalsübliche Unentschieden gegen die Weltklasseauswahl aus Sandhausen verzeichnet werden konnte, war längst klar: Wir sind DIE Überraschungsmannschaft!

Heute wissen wir alle, dass dies eine der zutreffensten Aussagen von Tom Eilers gewesen ist. Oder hattet ihr mit solch einem schlechten Abschneiden gerechnet? „In Darmstadt werden nicht viele gewinnen“ meinte der Reutlinger Trainer stolz nach dem ersten Spieltag – sie hatten es immerhin geschafft. Heute ist er nicht mehr Trainer in Reutlingen – vielleicht lag es am mangelnden Fußballsachverstand.

Unterdessen übten sich die Blau-Weißen weiterhin in der Vorbereitung eines Auftritts bei Thomas Gottschalk: „Wetten, dass wir jedes Stadion der Regionalliga Süd am Klang der Torpfosten erkennen können?“. So schlecht sah das ja nun wirklich nicht aus, was das Team von Zivo Juskic auf dem Rasen fabrizierte. Sie trafen auch öfters das Tor – nur leider stets an den Stellen, von denen der Ball ins Spielfeld zurück zu springen pflegt.

Da bald klar wurde, dass unserem Punktekonto nur durch Schieberei (Grüße an den SSV Ulm) oder Voodoo-Zauber zu helfen war, folgten wir einem über Generationen überlieferten Rezept der Gundel Gaukelei:
Zunächst galt es in eine fremde Dachwohnung in München zu gelangen, um von dort 98x beschwörend „Lilien!“ zu rufen. Anschließend sollten dreimal Sieben Auserwählte den geheiligten Rasen am Böllenfalltor bewandern und zur Aktivierung des Zaubers eine Trommel auf die Laufbahn geworfen werden. Alles lief bestens, doch wir hätten es ahnen müssen – schließlich konnte Gundel bis heute nicht Dagobrets Glückszehner erbeuten: Als wir uns schon als sichere Sieger und kommende Aufsteiger sahen, warf sich ein Polizist in die Flugbahn der Trommel und verhinderte unsere Aufstiegsträume.

So blieb uns nichts weiter übrig, als mit begrenzter Hoffnung in die Winterpause zu gehen, unser vierteljährliches Remis gegen Sandhausen abzuholen und uns einzubilden, dass nun doch alles gut werden würde.

„Gut“ wurde es auch. Zumindest für die anderen. Kassel und Wehen hießen diejenigen, die mal wieder den Reutlinger Trainer Lügen straften. Vielleicht meinte er damals auch „Darmstadt wird hier nicht gegen viele gewinnen“? Mit Zivo Juskic sollten wir jedenfalls gegen niemanden mehr gewinnen, denn er warf nach der in den Vorwochen gezeigten Arbeitsverweigerung seiner – wir nennen es aufgrund fehlender Alternativen im Duden jetzt einfach trotzdem mal so – „Mannschaft“ das Handtuch.

Mit Sicherheit war es nie die glücklichste Entscheidung gewesen, ihn zum Chefcoach zu machen. Die Lilie im Herzen mag ihm keiner absprechen, aber fast hätte er den rechten Moment zum Abgang verpasst.

Ein neuer Trainer ist wie eine neues Leben.

Erneut wiegelte sich die Fansgemeinde in Aufbruchstimmung. Für circa 25 Stunden. Dann war aus den Orals, Mourinhos und van Gaals ein Kosta Runjaic geworden. Kosta wer? Kocht der nicht normalerweise Tiefkühlkost in der Werbung?

Schmale Kost(a) bekamen die leidgeprüften Anhänger nun auch weiterhin geboten. Nach den üblichen Auswärtsniederlagen zum Einstand war Coach Kosta vom breiten Publikum schon vor seiner Heimpremiere wieder abgeschrieben. Beziehungsweise die Mannschaft dem Ruf der „Untrainierbarkeit“ schon nahe.
Selbst nach Saisonende ist dies nicht abschließend zu bewerten. Remis-Runjaic entwickelte respektablerweise ein System, das auswärts stets ein 1:1 erbrachte und zu Hause doch hin und wieder für einen dreifachen Punktgewinn gut war. Da ließ er sich auch nicht davon irritieren, dass die Anhängerschaft darauf bestand auswärts ein überlegenes Spiel auch mal in einen Sieg umwandeln zu wollen. Wieso auch? Wir hatten ja schließlich erst am 20.12.2008 auswärts gewonnen.

Nun könnte man sagen, der Erfolg gibt dem Recht, der ihn hat. Tja, solange er ihn hat. Das Kreispokalhalbfinale gegen Germania Pfungstadt fand nämlich auswärts statt – viel Fantasie braucht es nun nicht mehr, um sich vorzustellen, weshalb das zwei Tage später stattfindende Mannschaftstraining von ca. 60 diskussionsfreudigen Anhängern besucht wurde. Den ein oder anderen schien es – gemessen an den Ergebnissen der folgenden Wochen – jedoch tatsächlich aufgeweckt zu haben. „Irgendwas läuft da schief“ wusste zumindest Ermin Melunovic zu antworten – angesprochen auf die Sieglosigkeit in der Fremde seit nunmehr 1,5 Jahren. Tendenz steigend.

Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung, Kosta darf nun beweisen, dass er selbst ein besseres Team zusammenstellen kann und so freuen wir uns auf ein neues Jahr mit orangenen Drohvideos aus dem Hause ‚Ultra 3.0 – so viele Leute wie möglich sollen mitbekommen, dass nichts passiert‘.

Genießt die Pause & stay oldschool